Positionsbestimmung
Die Hippokratische Gesellschaft Schweiz ist eine Ärztevereinigung,
die Anfang 1999 in Zürich gegründet worden ist. Sie ist der Ethik
des griechischen Arztes Hippokrates verpflichtet und will den hippokratischen
Grundsätzen wieder mehr Gewicht verleihen, besonders angesichts gefährlicher
Entwicklungen im Gesundheitswesen wie Euthanasie, Rationierung, Bürokratisierung
und Reglementierung der Medizin, Datenmissbrauch etc. In Anlehnung
an die Deklaration der World Medical Association setzt die
Hippokratische Gesellschaft das Wohl, die Würde und die Menschenrechte
des Patienten - unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion
oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Eigentum,
Geburt oder sonstigen Umständen - an erste Stelle. Die Hippokratische
Gesellschaft Schweiz ist der naturwissenschaftlich begründeten Medizin
verpflichtet.
Folgende Grundsätze und Überzeugungen leiten unsere Aktivitäten und
Stellungnahmen:
-
Achtung vor dem Leben:
Das Lebensrecht, wie es die allgemeine
Erklärung der Menschenrechte jedem garantiert, weil er Mensch ist,
ist die Grundlage des menschlichen Zusammenlebens zu allen Zeiten
und allen Orten in Sicherheit und Würde. Der Schutz des Lebens ist
grundlegender Bestandteil der ärztlichen Ethik und ureigene Aufgabe
des Arztes. Die Hippokratische Gesellschaft Schweiz wendet sich daher
entschieden gegen jede Legalisierung von Patiententötungen ("aktive
Euthanasie").
-
Heilen und Lindern:
Es ist Aufgabe des Arztes, nach bestem
Wissen und Gewissen Krankheiten zu heilen, Leiden zu lindern und den
Patienten im Verlaufe seiner Erkrankung zu begleiten. Jeder Patient
soll die bestmögliche, seiner individuellen Situation angemessene
medizinische Therapie erhalten. Die Hippokratische Gesellschaft Schweiz
fördert daher eine qualitativ hochstehende medizinische Ausbildung
und Behandlung. Auch unterstützt sie die Forderung nach Anerkennung
und Ausbau der Palliativmedizin und -pflege.
-
Die Vertrauensbeziehung zwischen Arzt und Patient
ist entscheidend
für die ärztliche Tätigkeit. Das Gefühl, sicher aufgehoben zu sein,
entsteht, wenn der Arzt sich vorbehaltlos und uneigennützig für seine
Patienten einsetzt (Garantenstellung) und die Beziehung durch das
Arztgeheimnis geschützt ist. Dazu gehören die freie Arztwahl, die
sorgfältige Wahrung des Datenschutzes und die Pflege eines vertrauenerweckenden
Arztbildes in der Öffentlichkeit.
-
Schutz der alten und kranken Menschen:
Das Gesundheitswesen
soll auf den Prinzipien der Solidarität und Subsidiarität basieren.
Die ethische Durchbildung einer Gesellschaft zeigt sich darin, wie
sie mit alten, kranken und behinderten Menschen umgeht. Nur wenn auch
für die Schwächsten gesorgt ist, kann sich jeder Mensch sicher fühlen.
Entscheidungen im Gesundheitswesen haben sich an ethischen und wissenschaftlichen
Grundsätzen zu orientieren und dürfen nicht in erster Linie von ökonomischen
Gesichtspunkten geleitet sein. Durch sorgfältige und richtige Prioritätensetzung
und gemeinsame Anstrengung aller gesellschaftlich Beteiligten kann
eine gute Gesundheitsversorgung auch in einer finanziell angespannten
Situation sichergestellt werden.
-
Die ethische Bildung des Arztes
soll durch das lebendige
Vorbild und die sorgfältige Unterweisung durch den erfahrenen Kliniker
und Praktiker erfolgen. Ethische Entscheidungen gehören in den Verantwortungsbereich
des Arztes.
-
Naturwissenschaftlich begründete und menschliche Medizin
widersprechen sich nicht, sondern gehören zusammen. Die Hippokratische
Gesellschaft setzt sich für die Freiheit der Wissenschaft und Forschung
ein und dafür, dass die wissenschaftliche Erkenntnisse verantwortungsbewusst
und zum Wohle der Menschen eingesetzt werden.
-
Freiheit des Arztberufes:
Die Unabhängigkeit des ärztlichen
Berufstandes ist Voraussetzung für eine optimale medizinische Versorgung
der Bevölkerung. Dazu müssen die Therapiefreiheit (Methodenfreiheit),
die Fortbildungsfreiheit und die Handels- und Gewerbefreiheit gewährleistet
werden. Die Hippokratische Gesellschaft wendet sich sowohl gegen eine
sozialistische Staatsmedizin als auch gegen eine Auslieferung des
Gesundheitswesens an einen globalisierten Markt ohne ethische und
nationale Bindung.
-
Verantwortung für das Gemeinwesen:
Die Tätigkeit des Arztes
findet nicht nur im Rahmen der Arzt-Patient-Beziehung, sondern auch
im gesellschaftlichen Umfeld statt. Entsprechend soll der Arzt soziale
Verantwortung für das Gemeinwohl wahrnehmen. Hierzu gehören auch der
Einsatz für die Gesundheitsvorsorge und für gesellschaftspolitische
Belange. Für den verantwortungsbewussten Arzt ist die Ausbildung der
nachkommenden Medizinergeneration eine vornehme Pflicht.
-
Historisches Bewusstsein:
Die Grundsätze der hippokratischen
Ethik haben sich über 2500 Jahre Geschichte bewährt. Die Schrecken
zweier Weltkriege und zahlreicher Terrorregime des 20. Jahrhunderts
haben gezeigt, dass immer da, wo die hippokratische Lehre in Frage
gestellt oder relativiert wurde, letztlich Ideen im Gesundheitswesen
Einzug gehalten haben, die gegen das Leben und die Gesundheit gerichtet
waren. Als Beispiel dafür seien der Nationalsozialismus in Deutschland
und die kommunistischen Diktaturen genommen, wo sich Ärzte nicht
mehr in erster Linie dem Patienten verpflichtet fühlten, sondern sich
in Abhängigkeit des totalitären Regimes begaben, und somit von ihrem
eigentlichen Handlungsethos, nämlich den allgemeinen Geboten der Menschlichkeit
zu dienen, abrückten. Die Hippokratische Gesellschaft setzt deshalb
alles daran, ähnliche Entwicklungen frühzeitig zu erkennen. Sie möchte
dazu beitragen, dass die Ärzte sich weiterhin an den bewährten ethischen
Grundlagen orientieren und ihr Handeln daraus ableiten.
Zürich, im Januar 2000